“Auf die sprachsensible Phase achten” – Wie Kinder sprechen lernen (2)

| 20. Apr. 2011 | Kommentare (0)

Je genauer die Diagnose, desto effektiver die Therapie

Elternhelfer: Wie erkennt man als Laie, dass das Kind Sprachentwicklungsdefizite wie etwa Sprachverzögerungen oder Sprachstörungen hat?

Tatjana Trefzger: Hier muss man vorausschicken, dass es in der kindlichen Sprachentwicklung sehr große Unterschiede gibt. Es ist auch für den Profi zu Beginn sehr schwierig ganz klar zu sagen: „Hier liegt eine Sprachentwicklungsstörung vor oder nicht“. Es gibt verschiedene Hinweise und auch Situationen, die darauf hindeuten können, dass es zu einer Entwicklungsstörung kommt.

Was sind das für Hinweise?

Eines der frühesten Zeichen, auf die man kommen kann ist, dass eine sonstige Beeinträchtigung in den Wahrnehmungsbereichen des Kindes vorliegt, etwa eine Hör- oder Sehstörung. Wenn das der Fall ist, dann wäre man sehr aufmerksam bei der Sprachentwicklung. Und häufig ist es auch so, dass die Eltern gefühlsmäßig spüren, dass etwas mit der Sprachentwicklung des Kindes nicht stimmt. Zeichen dafür sind etwa, wenn das Kind nicht adäquat reagiert. Es kommt aber auch vor, dass das Kind einen langen Entwicklungsstillstand hat, dass sich nichts tut. Die Eltern warten dann vergeblich  drauf, dass es in der sprachlichen Entwicklung weitergeht. Das sind natürlich Hinweise, die auf eine Entwicklungsstörung hindeuten. Es wäre dann natürlich wichtig, dass man so früh wie möglich eine gute Diagnose stellt, um scheinbare Entwicklungsstörungen von tatsächlichen Entwicklungsstörungen zu unterscheiden, um möglichst früh mit einer Therapie beginnen zu können.

Wo klärt man am besten ab, ob die Sprachentwicklung altersgemäß verläuft?

Die erste Anlaufstelle ist immer der/die Kinderarzt/-ärztin, wenn man das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt. Ein Hörtest sollte gemacht werden, damit abgeklärt ist, dass das Kind regelgerecht hört. Das ist entscheidend wichtig. Dann wendet man sich entweder an eine Institution wie ein Krankenhaus oder eine Frühdiagnosestelle oder eine/n LogopädIn, um sich erst mal einen Diagnosetermin geben zu lassen.

Wann sollte das Kind mit einer logopädischen Therapie beginnen? Kann es zu früh sein, weil etwaige Sprachdefizite mit der Zeit – auch ohne Therapie – von selbst verschwinden?

Meine persönliche Meinung ist: Wenn man als Eltern unruhig ist und das Gefühl hat, es gibt irgendein Problem, dann kann es eigentlich nicht zu früh sein. Es ist nicht unbedingt zwingend notwendig, dass man mit einer Therapie beginnt, aber vielleicht mit einer Elternberatung. In der Folge kann man das Kind, wenn man nicht sicher ist, ob die Sprachentwicklung Unterstützung braucht, in regelmäßigen Abständen zu Kontrollterminen bestellen. Gerade bei der Sprachentwicklung ist es sehr sinnvoll, früh zu beginnen. Im Alter zwischen ein und drei Jahren sind die Kinder in der sogenannten „sprachsensiblen Phase“ und da sind therapeutische Maßnahmen auch ganz besonders sinnvoll.

Sprech- und Sprachfehler

Gibt es Sprachfehler, die sich auswachsen? Auch ohne Therapie?

Es gibt Sprechfehler und Sprachfehler. Sprechfehler beziehen sich auf die artikulatorischen Fehler und die Sprachfehler zB auf das Verständnis bzw. auf die Grammatik oder auf die Sprechflüssigkeit eines Kindes, es könnte zum Beispiel stottern oder poltern. Da gibt es schon auch Störungen, die von alleine wieder verschwinden können, wie etwa Artikulationsstörungen. Aber da kann ein/e LogopädIn auch im Vorfeld abschätzen, ob das zu korrigieren ist oder nicht. Es gibt ganz einfach auch Situationen, in denen man noch abwarten kann, ob eine Therapie notwendig ist.

Je genauer die Diagnostik, desto genauer kann die individuelle Behandlung auf das Kind abgestimmt werden. Je kleiner das Kind, desto spielerischer soll die Therapie natürlich stattfinden.

Und dann gibt es etwas, das macht vielen Eltern Sorgen, das sind diese physiologischen Sprechflüssigkeiten. Da haben Kinder oft im Alter von drei Jahren Wortwiederholungen, das klingt ein bisschen wie stottern für die Eltern. Da ist es wichtig, dass die Eltern durch diese Zeit gut begleitet werden, da es eine nicht behandlungsbedürftige Sprechunflüssigkeit beim Kind ist, aber die Eltern sich trotzdem häufig große Sorgen machen.

Wie behandelt ein/e LogopädIn?

Die Behandlung steht und fällt mit der Diagnostik. Je genauer die Diagnostik, desto genauer kann die individuelle Behandlung auf das Kind abgestimmt werden. Je kleiner das Kind, desto spielerischer soll die Therapie natürlich stattfinden. Die Therapie soll dem Kind vorrangig Freude und Spass machen und dann hat sie den gewünschten Effekt. Eine Therapie soll unter gar keinen Umständen etwas sein, was das Kind belastet, das ist mir ein ganz großes Anliegen.
Therapie soll nicht etwas sein, bei dem man sich zum hingehen überwinden muss, sondern durch die Therapie sollen Kind und Eltern spüren, dass es weiterhilft und dass sie zu einem gelungenen Kontakt zwischen Kind und seinem Umfeld beiträgt.

Worauf sollen sich Eltern einstellen, wenn eine Therapie beginnt? Wie lange kann eine Therapie dauern? Wer trägt die Kosten?

Die Dauer der Therapie ist natürlich sehr unterschiedlich, je nach Diagnostik. Auch nach der Diagnose ist schwer einzuschätzen, wie schnell Veränderungen beim Kind eintreten und diese in den Alltag übertragen werden können. Die Therapiedauer beträgt meisten zwischen zehn Stunden bis zu zwei, drei Jahren – je nach Schweregrad. Die Kosten tragen anteilsmäßig die Krankenkassen. Bei “Kassenlogopäden“, die einen Vertrag mit der Krankenkasse haben, sind  zwar die Wartezeiten für eine Therapie länger, aber dafür werden auch mehr Kosten übernommen. Und dann gibt es „Wahllogopäden“, die zwar meistens relativ rasch einen Therapieplatz freihaben, aber dort werden die Kosten nur anteilsmäßig von der Krankenkasse übernommen.

Tatjana Trefzger ist diplomierte Logopädin, Legasthenie- und Dyskalkulietrainerin mit freier Praxis in Wien. Sie hält Vorträge in Kindergärten sowie Schulen und gibt Seminare zum Thema “Stimme -richtig sprechen”. Sie ist Expertin im Bereich Stimme, Kindersprache, Teilleistungsstörungen sowie Stottern bei Kindern.
Kontakt: tatjana.trefzger@gmail.com

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